Zum Umsiedlungslager Pirna (Sonnenstein)

Im Januar 1940 erfuhren die Pirnaer von der Einrichtung eines Lagers für umgesiedelte "Volksdeutsche" auf dem "Sonnenstein". 

Am 9. Oktober 1939 wird die Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein aufgelöst. Im Frühjahr 1940 wird auf dem Gelände eine Tötungsanstalt im Rahmen der "Euthanasie-Aktion T4" eingerichtet. Die Leitung übernimmt Dr. Horst Schumann (1906-1983). Unter den ca. 100 Mitarbeitern befinden sich auch ehemalige Pfleger der Landesanstalt Pirna-Sonnenstein.

Unter der Leitung von NSDAP-Dienststellen und einer zusätzlich geschaffenen Zentrale der Vernichtungsaktion, die sich in der Tiergartenstraße 4 in Berlin befand, wurden zwischen 1940 und 1941 sechs Tötungsanstalten im Deutschen Reich für die "Euthanasie-Aktion T4" errichtet. Eine dieser Vernichtungsanstalten befand sich in Pirna auf dem "Sonnenstein". Hier wurden von 1940 bis zum 21.8.1941 von insgesamt ca. 70.000 psychisch kranken und geistig behinderten Menschen aus psychiatrischen Einrichtungen, Alters- und Pflegeheimen und Krankenhäusern 13.720 Menschen umgebracht. Im Sommer 1941 zusätzlich mehr als tausend Häftlinge aus Konzentrationslagern im Rahmen der "Aktion 14f 13" ermordet. Zu diesem Zeitpunkt verfügten die K-Lager noch nicht über eigene Gaskammern. Das gesamte Ausmaß diser Transporte ist noch nicht vollständig aufgearbeitet.

Ende 1939 wurde die Heil- und Pflegeanstalt aufgelöst.
Für eine halbe Million "Volksdeutscher" mussten aufgrund der "Bevölkerungsumschichtung", wie die Umsiedlungsaktion auch bezeichnet wurde, zunächst rund 1500 Auffanglager in den östlichen Teilen Deutschlands errichtet werden, wo sie auf ihre rassische und gesundheitliche Qualität überprüft wurden und warten mussten, bis Polen und Juden aus ihren konfiszierten Wohnungen und Bauernstellen vertrieben waren (zuständig war hier die Umwandererzentralstelle - UWZ). Den Winter 1940/41 saßen sie im "Umschlag- und Lagerplatz" Litzmannstadt oder schon in Lagern des Deutschen Reiches.

Ab Januar 1940 gelangten ca. 10.000 wolhynien- deutsche Umsiedler nach Sachsen, davon zwei Züge nach Pirna, wo in aller Kürze ein Lager einzurichten war. Zwei Tage später kamen rund 1.000 deutsche "Rückwanderer" aus Galizien, wobei für den nächsten Tag ein neuer Transport angekündigt war. Zu dieser Zeit waren 1.683 Personen, davon 679 Kinder im Lager registriert.

Im  April 1940 verließen die Wolhynien- und Galiziendeutschen das Pirnaer Lager. 954 Personen wurden mit einem Sonderzug zunächst nach Zittau verfrachtet. "Die Fluren des Ostlandes wollen bestellt sein!" hieß es dazu in einer Pirnaer Zeitung als Begründung. Der Sonnenstein diente weiterhin als Durchgangslager. Zusätzlich wurde die "Fliegende Kommission III" des RF-SS und RKF ins Lager einquartiert, zur "Durchschleusung" neuer Ankömmlinge. "Hier wurden sie noch einmal auf ihre Deutschblütigkeit und ihre rassischen Werte genau geprüft. Aufgrund des Ergebnisses erfolgte ihre Unterteilung in verschiedene Gruppen," entsprechend den Einbürgerungsbescheiden, ehe sie zur Ansiedlung in die "eroberten Ostgebiete" kamen, "und nun im Osten eine lebende deutsche Sperrmauer bilden."

Im Ergebnis der Überprüfung gab es die Bildung von Gruppen nach Einsatzmöglichkeiten. Die "O-Karte" (Ostansatz - Warthegau) bekamen nur Umsiedler, die die deutsche Staatsangehörigkeit erhielten. Mischfälle mit Verweisungs- oder Zurückstellungsbescheide verblieben im Altreich und bekamen den Ansatzentscheid "A".

Anfang Oktober 1940 kamen die Umsiedler-Transporte mit Bessarabiendeutschen in den Kreis Pirna. Etwa 800 auf den Sonnenstein, ein weiteres Lager in Bad Schandau wurde mit 778 Personen belegt. Insgesamt gab es im Kreis zu dieser Zeit 10 Umsiedlungslager mit etwa 5.000 Bessarabiendeutschen; auf dem Sonnenstein, in Bad Schandau, Ostrau, Postelwitz, Rosenthal-Schweizermühle, Liebstadt, Bad Gottleuba-Hartmannsbach, später auch in Stolpen.

Für die Betreuung waren die Bürgermeister, die NSDAP-Ortsgruppenleiter, die NSV und die DAF zuständig. So gab es zur Unterstützung ihrer propagandistischen Arbeit am 24.11.1940 einen "Kameradschaftsabend", und Anfang Dezember 1940 fanden sich der DAF-Organisationsleiter Ley und Gauleiter Mutschmann auf dem Sonnenstein ein. "3000 Männer, Frauen und Kinder waren angetreten, teilweise in der Festtracht ihrer alten Heimat."

Die meisten verbrachten bis zu 8 Monaten in den letztlich rund zwanzig Umsiedlungslagern im Kreis Pirna, wo sie auf ein zunächst ungewissen Schicksal warteten. Zwischen April und August 1941 liefen dann die Abtransporte in Richtung Osten. Einige Familien und Einzelpersonen verblieben im Kreis. Aus dem Lager Bad Schandau waren das etwa 140. Hier sei an den Ansatzentscheid erinnert, der die Umsiedler in "A" und "O" unterteilte.

Im Lager Sonnenstein waren 1940/41 ungefähr 100 Personen verstorben. Für sie musste ein eigener Friedhof angelegt werden, für den die Stadt Pirna ebenso die Verwaltung übernehmen sollte. Es gab Entwürfe für einen Gedenkstein, Grabsteine, Pylonen alle im "teutonischen" Stil.

Als am 30.4.1943 eine Besichtigung des Friedhofs stattfand, waren "alle Gräber in total ungepflegtem Zustand, teilweise bereits verfallen", und hatten nur z.T. Holzkreuze mit und ohne Namen. Man plante Zusammenlegung und "Anlage eines niedrigen Hügels".

Was erwartete die aus den Gebieten östlich des Bug nun in die "eroberten Ostgebiete" zur Ansiedlung verfrachteten Menschen? Ein Einzug in Bauernstellen, Handwerkerwohnungen und andere Unterkünfte, aus denen vor ihnen andere Menschen vertrieben worden waren. Sie fanden Hausrat, der von Vorgängern gebraucht war, dezimiert durch Plünderungen und Aneignung der besten Stücke durch örtliche Nazifunktionäre. An den einstigen polnischen Bauerngehöften prangte das Schild "Reichsland". Die neuen Besitzverhältnisse waren ungeklärt. Das war aber letztlich belanglos, denn im Januar 1945 traf sie neue Vertreibung. 

(Leicht veränderte und korrigierte Quelle: Beiträge zur Geschichte Pirnas; "Da die Alten wegsterben und die Jungen zu wenig wissen, bleiben Ereignisse mit einem Satz übrig. Und das ist zu wenig." Heinz Knobloch)

 

Links:

 

 

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Stiftung Sächsiche Gedenkstätten
Gedenkstätte Prina-Sonnenstein
Geschichte Pirna
Rede zur Gedenkfeier 200
Geschichte der Stadt Pirna

 

 


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